Besuch in Potsdam: Papierrestaurierung, Preußische Schlösser und Gärten

Wir danken Wiebke Müller und Irene Hesselbarth für die Einladung. Fast zwanzig Restauratorinnen hörten die Erfahrungsberichte und Geschichten aus der wunderschönen fast neuen Werkstatt.
Hochinteressant war der Bericht über die Arbeiten an den Tapeten im Schloss Schönhausen. Der Besucher soll eine Vorstellung vom Raum zur Zeit der Königin Elisabeth Christine, den 1790er Jahren, gewinnen können.
Auf dem Bild sieht man einen Ausschnitt der Tafel, auf der in der Werkstatt die künstlerischen Entwürfe für den floralen Hintergrund der Chinesischen Print-Room-Tapete getestet wurden. Der bestätigte Entwurf wird dann in situ malerisch ausgeführt und mit den Originalfragmenten kombiniert.

Schloss Schoenhausen: Fragmentkopie, Probestück

Bachelorarbeit zum Thema „Granderwasser“

Eva Brozowsky hat 2008 ihre Bachelorarbeit unter dem Titel „Verhindert ‚belebtes‘ Wasser (nach Grander) eine mikrobielle Kontamination bei wässrigen Behandlungsformen in der Papierrestaurierung“ geschrieben und mir freundlicherweise die Erlaubnis erteilt, den Text zu verlinken.
Es werden in der Arbeit Aspekte der Wässerung als Möglichkeit zur Verringerung von Schmutz und Mikroorganismen beleuchtet.
Hier der Link zur Arbeit.

Restauro als Werbeblättchen: Granderwasser

Gehört hatte ich schon mal was über die Wirkung dieses Wassers: Man soll damit bemerkenswerte Reinigungserfolge in der Gemälderestaurierung und bei Siegeln erzielen. Erwartet hätte ich von einem Beitrag darüber in unserer Fachzeitschrift (Restauro 2/2018, Seiten 49 – 55) außer begeisterten Erfahrungsberichten und Erklärungsversuchen nun wissenschaftliche Beweise der Wirksamkeit. Ich habe also versucht, das quantenphysikalische Phänomen der Verschränkung zu verstehen, und glaube, eine Ahnung davon bekommen zu haben. Doch leuchtet mir nicht ein, wie das auf geheimnisvollem Weg („nach dem speziellen Wissen von Johann Grander“) hergestellte Informationswasser durch eine Metallschicht hindurch unaufhörlich und ohne weitere Energiezufuhr seine Informationen an jede Menge damit umgerührtes oder daran vorbeifließendes Wasser sendet, und so zielgerichtet und dauerhaft dessen molekulare Struktur verändert. Wo finde ich die sonst grundlegende Wissenschaftlichkeit der Anwendungen in unserem Fachgebiet? Soll ich einer Firma vertrauen, die etwas mit Wasser macht, dies nur äußerst schwammig erklärt, aber dafür ausgesprochen teuer verkauft?
Wenn man also die KollegInnenschaft von dieser ziemlich esoterisch klingenden und in ihrer Wirksamkeit nicht bewiesenen Technik überzeugen will, warum zieht man nicht das scharfe Schwert der medizinischen Forschung: Die Blindstudie?
Wie wäre es, Wasserproben aus einer Grander-Anlage im Vergleich zu Proben gleicher Temperatur aus dem Nachbarhaus ohne Anlage auf ihre Reinigungswirkung zu testen?
Oder man manipuliert das Gerät: Das Informationswasser im Granderstift oder Schlüsselanhänger (das große Besteck ist vielleicht zu teuer für solche Versuche) durch normales Wasser ersetzen (oder gar leer lassen), und damit umgerührte Wasserproben im Vergleich zu Proben, die mit dem unmanipulierten Stift gerührt wurden, „blind“ testen. Das wäre doch ein vielversprechendes Thema für eine Abschlussarbeit.
Außerhalb unserer Berufsgruppe gibt es schon ein paar Forschungen und verständlichere Erklärungen (Wiki).
Irritiert haben mich weiterhin die Fotos, auf denen ohne einen mir zugänglichen Zusammenhang Gläser mit Wasser und Niederschlägen, Keimproben aus nicht näher beschriebenen Studien und, wie auf dem Bild unten zu sehen, ein Reinigungsversuch mit einem Pinsel dargestellt sind.
Ich habe mal vorgelegt und diesen „Test“ mit unserem häuslichen Kochtopf nachgestellt: das Entfernen einer Kalkschicht (Kalk von Biohühnereiern und Berliner Leitungswasser, Borstenpinsel). Ging genauso leicht ab.

Kalkentfernung ganz einfach
Heike Sommerfeld

 

Was tun im Notfall?

Auf Notfälle mit Wasserschäden sind große Archive und Museen inzwischen in der Regel vorbereitet. Anders sieht es mit Sammlungen von Privatleuten, Galerien und kleineren Archiven und Bibliotheken aus. Wenn hier ein Wasserschaden eintritt, werden oft freie Restauratoren und Restauratorinnen kontaktiert. Mitunter wird eine kostenlose ausführliche Beratung und gar eine telefonische Anleitung zur Schadensbehebung erwartet. Wie in so einer dramatischen Situation der Spagat zwischen mitfühlender Unterstützung des Betroffenen und dem professionellen Umgang mit dem Kunden und dem Problem gelingen könnte, wurde in den Räumen der Brotfabrik diskutiert.

notfallbeispiel köln
Heike Sommerfeld

 

Kunst – Schimmel – Abjekt (ein Beitrag)

Die Idee, für den oft hemdsärmeligen Umgang von Künstlern und Ausstellern/Ausstellerinnen mit dem Gefahrenstoff Schimmel einige Beispiele zusammenzustellen, kam mir nach dem Besuch der Biennale in Venedig (für Nicht-Restauratoren: das Gefährdungspotenzial).

Aktuell züchtet Gal Weinstein dort im Israelischen Pavillon unter dem Titel „Sun Stand Still“ seit Mitte Mai großflächig Schimmel auf Kaffeegrund und Zucker, Außentemperaturen um die 30°C, perfekte Bedingungen. Es riecht süßlich-schimmelig-aromatisch. Die Idee hatte Weinstein, nachdem er vergessen hatte, seine Kaffetasse rechtzeitig abzuwaschen. Eigentlich dürfte sich in den Räumen niemand ohne Schutz aufhalten, jedoch arbeiten Angestellte dort.  Das Projekt endet mit der Biennale am 26. November, falls das Haus nicht doch vorher dicht gemacht wird.
gal weinstein, biennale 2017gal weinstein, biennale 2017

Über den Italienischen Beitrag von Roberto Cuoghi „Imitazione di Cristo“ kann ich nichts über das Material sagen, auch hier scheinen ähnliche Prozesse (Il Giornale Dell Arte) in Gang zu sein. roberto cuoghi, biennale venedig 2017

Dem Graffiti-Künstler Señor Schnu, der seine Moos-Joghurt-Graffitis normalerweise an Hauswänden installiert, ist im Innenraum in der Berliner Ausstellung „The Haus“ im Mai 2017 in Berlin offenbar eine ähnliche Zucht gelungen. Der „Tagesspiegel“ schreibt am 5.5.2017: „… Dann schlägt einem im vierten Stock plötzlich wilder Geruch entgegen. Der Geruch … hat sich am Wochenende über den ganzen Gang ausgebreitet. Jeden Morgen muss jetzt eine Stunde gelüftet werden. Es trauen sich nicht alle hinein, „sonst kippe ich noch um“…“

Dieter Roths Bilder und Skulpturen (Schokolade, Vogelfutter, Fleisch Käse und mehr) aus seinem Hamburger Schimmelmuseum (Abriss 2004) werden inzwischen geschützt ausgestellt. Immerhin musste sich bereits 1970 in Los Angeles seine Galeristin vor Gericht wegen Gesundheitsgefährdung verantworten.

Auch der Wiener Fotograf Klaus Pichler arbeitet mit Lebensmitteln und schützt sich, jedoch nicht sein Wohnzimmer: „… Ich muss es ganz bewusst im Wohnbereich machen, um meiner Arbeitsweise eine gewisse Brisanz und Tiefe zu geben und um mich auch selbst zu prüfen, ob ich das schaff.“  Man sieht es im Film, daraus stammt dieses Bild. klaus pichler beim fotografieren

Bei Daniel Bräg, der die „Ästhetik der Verwesung“ thematisiert, wurden die verfallenden Objekte immerhin in Kühlschränken und Weckgläsern ausgestellt.

Die Apfelsinenschalen von Michel Blazy sowie andere seiner Objekte durften wiederum direkt im Ausstellungsraum schimmeln.

Einige Künstler scheinen (oder schienen) nichts über die Gefahr zu wissen, der sie sich selbst sowie die Betreuer und Besucher ihrer Ausstellungen aussetzen. Ich erinnere mich gut an das Umdenken um die Jahrtausendwende, als Arbeitgeber plötzlich (in der Biostoffverordnung wurden nun ausdrücklich Schimmelsporen als Gefahrstoffe aufgeführt) in die Pflicht genommen wurden, ihre Angestellten vor dem Einatmen der freigesetzten Sporen zu schützen. Das hat sich anscheinend nicht bis zu den AusstellungsmacherInnen herumgesprochen.
Dass ich (außer der Fotografin Cindy Sherman, von der ich allerdings nichts über ihre Arbeitsweise im Netz gefunden habe) keine Frauen gefunden habe, die ihre Werke vom Schimmel erschaffen lassen, kann verschiedene Gründe haben. Vielleicht arbeiten sie lieber selbst…
Und: Ich habe ein neues Wort gelernt: das Abjekt. Bitte selber gugeln, falls unbekannt.
Heike Sommerfeld (die sich ein wenig wie eine Spaßbremse fühlt)